Liebe Freunde der Norddörfer Kirchengemeinde!

Heiko, mein Freund aus Kindertagen, hat sich zum Reformationsjubiläum vorgenommen, Luther im Original zu lesen. Er ist auf ein zentrales Bibelzitat gestoßen: „Der Christ ist niemandes Knecht. Der Christ ist jedermanns Diener.“ „Wenn du meinst, dass es anstrengend ist, selbst zu denken und nicht nachzuplappern, was andere einem vorkauen, dann hast du Recht. Wenn wir an Gott glauben, dann halten wir uns an seine Gebote und sein Wort. Voraussetzung dafür ist, dass wir das Wort lesen und verstehen können. Dass wir darüber diskutieren und uns austauschen. Deshalb hat Luther sich sehr dafür eingesetzt, dass Kinder zur Schule gehen, dass Männer und Frauen lesen und schreiben lernen. Deshalb unterstützt die evangelische Kirche überall auf der Welt Bildungsprojekte. Denn: Um sich eine Meinung zu bilden, muss man lesen können. Um zu verstehen, muss man die Freiheit haben, sich auszutauschen. Deshalb setzt sich die evangelische Kirche weltweit dafür ein, dass Religion frei ist. Deshalb hilft sie Verfolgten.“ „Verstehe.“ Heiko schaut mich dennoch fragend an. „Aber jedermanns Diener? Total mühsam. Ich bin lieber Chef als Diener! Und überhaupt: Immer dieses ,Ja-aber’, dieses ,Sowohl-als-auch’ bei euch Protestanten!“

Ich überlege und antworte dann: „Luther sagt: ,Kein Mensch hat das Recht, über einen anderen Menschen zu verfügen. Denn Gott hat das Leben geschenkt; wir sind seine Kinder.’ Hier auf Erden mögen wir zwar in Abhängigkeiten stehen – bei der Arbeit beispielsweise. Doch kein Mensch besitzt den anderen, kein Mensch darf einen anderen verletzen an Leib und Seele. Da haben wir eine Würde, in die wir eingehüllt sind. Wer diese wissentlich oder unwissentlich zerstört, lästert Gott.“ Heiko schaut mich an. „Dann wäre Luther ja hochpolitisch und sehr aktuell. Was hätte er in dieser Zeit den Despoten in Europas Osten und Süden oder auf der anderen Seite des Atlantiks gepredigt? Den Unternehmern, die Kinder arbeiten lassen oder ihren Arbeitern zu wenig zum leben, zu viel zum sterben geben?“

„Er hätte,“ erwidere ich, „deutliche Worte gefunden, einigen womöglich die Leviten gelesen, womöglich seine frommen Texte gerappt. Luther liebte die drastische Sprache, besonders wenn er abends im geselligen Kreis den Tag ausklingen ließ – mit Getränken der hauseigenen Brauerei, die seine Ehefrau Katharina von Bora gegründet hatte.“

„Aber du hast immer noch nicht geantwortet: jedermanns Diener?“ setzt Heiko nach. „Als Christen sollen wir reden von der Freiheit, von der Gnade, von der Liebe – aber auch tun, was wir sagen! Wir sollen ,uns nicht dienen lassen, sondern selbst dienen’. Das sind Jesu Worte. Ein Christ sieht die Not – und sieht sich aufgefordert, dagegen etwas zu unternehmen. Wir dienen den Menschen! Das gilt für jeden Einzelnen. Nicht nur für Pfarrer, Priester, Nonnen und Mönche.“

„Ich sag ja: Ihr Evangelischen seid echt anstrengend… Auch das mit der Sünde. Total anstrengend.“ „Das mit der Sünde?“ „Na, dass man da keine Ablassbriefe kaufen kann. Dass man nicht mal kurz zur Beichte gehen kann und dann ist alles wieder klar. Ein paar ,Vaterunser’ und ,Ave Maria’ – und fertig ist. Nein, bei euch Evangelischen schleppt man das die ganze Zeit weiter mit sich herum. Na, zum Glück gibt es ja heute keine Sünde mehr.“ „Es gibt keine Sünde mehr?“, fragte ich.

„Also ich kenne keinen, der sich als Sünder fühlt. Okay, wir sind nicht perfekt und haben vielleicht alle unsere kleinen und größeren Verfehlungen. Aber Sünder? Nee. Zur Hölle fahren? Ich kenne keinen, der davor Angst hat!“

„Heiko, Sünde verstehe ich etwas anders. Es geht nicht darum, dass du bei Deiner Steuererklärung falsche Angaben gemacht hast, dich von deiner zweiten Frau wegen einer neuen Affäre hast scheiden lassen oder andere Verfehlungen. Sünde meint, dass wir getrennt von Gott leben. Das fängt damit an, dass wir uns gar keine Zeit mehr nehmen zur Ruhe zu kommen, nachzudenken über uns und unser Leben, zu beten: Also zu danken und zu bitten. Stille zu halten, um Gott in unser Leben hinein zu lassen. In der Bibel zu lesen. Sünde ist die Gottesferne. Alles andere, die kleinen und großen Verfehlungen folgen daraus. Je weniger wir uns Zeit nehmen, je mehr wir vor der Stille fliehen, desto schwerer wiegt die Last des Gewissens.“

„Wäre ein Ablass, Beichte und all so etwas nicht gut?“ fragt Heiko. „Luther meinte damit nur: Wir können unserer Verantwortung nicht entfliehen. Wir sind für unser Leben verantwortlich. Und er sagt auch: Wir können jederzeit zu Gott zurückkehren. Eine von Luthers Lieblingsgeschichten war die vom Verlorenen Sohn. Er hat uns den Gott der Liebe nahegebracht. Gott verurteilt nicht. Er wartet auf uns. Er sucht uns auf. Er hört uns zu. Er spricht uns an. Nur eines kann er uns nicht abnehmen: dass wir uns auf den Weg machen.“

Heiko ist still geworden. Ist er müde? Er blättert in seinem Luther-Buch. „Ist evangelisch immer noch anstrengend für Dich. Oder nur der evangelische Pastor?“ Heiko antwortet: „Anstrengend vielleicht auch, vor allem aber ist Luther aktuell. Wo vielen Menschen die globalisierte Welt zu groß wird, wo die Stimmen nach Grenzen laut werden und mit den Ängsten der Menschen nach Stimmen und Macht gefi scht wird, da klingt dieser Luther erfrischend, entlarvend, frei.“ Er hält inne. „Für mich drückt es das aus, was ich unter evangelisch, ja unter christlich verstehe, wenn Luther sagt: ,Erfahrung lehrt, dass durch Liebe weit mehr ausgerichtet werden kann als durch knechtischen Zwang.’“

Etwas Stille und Zeit, um Gott nahe zu sein – das wünsche ich Ihnen für diesen Sommer.

Ihr

Pastor Rainer Chinnow