Liebe Freunde der Norddörfer Kirchengemeinde!

„Familie kannst Du Dir nicht aussuchen. Die musst Du einfach ertragen!“ Heiko ist zu mir nach Sylt geflüchtet. Seine neue Freundin hat ihre Eltern zu Besuch. Heiko war sein großes Haus nach einem Tag zu eng. „Siehst Du Deine Familie nicht gern?“ frage ich ihn. „Für ein paar Stunden ja – so zwei Mal im Jahr,“ antwortet Heiko, „das reicht. Ich bin mit 17 ausgezogen. Da hatten sich meine Eltern schon getrennt. Der neue Partner von meiner Mutter hat mir ständig gesagt, wie frech und aufsässig ich sei. Meine kleine Schwester hat sich gefügt. Sie war die Prinzessin, der Liebling vom Stiefvater. Alle waren froh, als ich meine Sachen gepackt habe. Ich dachte: Dann gehe ich eben zu meinem Vater. Aber der war gerade dabei, sich selbst zu verwirklichen und nachzuholen, was er alles in den Jahren mit Kindern und Frau meinte, entbehrt zu haben. Der hatte keine Zeit für mich. Hätte ich nicht meine Freunde gehabt, ehrlich, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre!“

Heiko wischt eine Träne weg. „Magst Du die Familie Deiner Freundin nicht?“ Heiko schaut mich an. „Ich mag sie schon. Sie fragen auch immer, wie es mir geht. Und was ich so mache. Alles okay. Aber ich will gar nicht mit denen darüber reden. Wenn ich ehrlich bin: Am meisten stört mich, dass Swantje sich so gut mit ihren Eltern und Geschwistern versteht! Ich glaube, sie erzählt denen mehr als mir!“ „Heiko, ich glaube, Du bist eifersüchtig!“ „Kann schon sein. Aber Familie ist mir einfach nicht so wichtig. Freunde sind wichtig. Die kann man sich aussuchen. Die sind da. Mit denen kann man Spaß haben. Und die kann man anrufen, wenn man quatschen will. Hat Jesus nicht genau das gesagt, als ihn seine Mutter mit dem ganzen Familientross besucht hat? ‚Wer ist meine Mutter und meine Brüder?‘ Und dann zeigt er auf seine Freunde und fährt fort: ‚Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder.‘ (Markus 3, 31ff)

Heiko lächelt. „Eigentlich bin ich doch ganz biblisch, wenn ich nicht so viel mit meiner Familie zu tun haben will.“ „Auf jeden Fall nicht ganz unbiblisch, Heiko.“ antworte ich. „Allerdings ist mir Familie das Wichtigste im Leben überhaupt. Manchmal stelle ich mir vor, was wäre, wenn alles wegfi ele, woran ich mich gewöhnt habe: Arbeit, Auskommen, die Heimat auf dieser wunderschönen Insel, dazu gesundheitliche Probleme – was würde mich noch im Leben halten?

Die Familie, glaube ich. Und der Glaube. Beides ist für mich untrennbar miteinander verbunden.“ Heiko fragt: „Wieso das?“ „Glaube ist mir in der Familie vermittelt worden. Durch die Geschichten und die Rituale wie zum Beispiel das Gebet vor dem Essen. Mehr aber noch, dass wir füreinander da waren und meine Mutter und mein Vater zu mir standen. Auch, als ich schwer zu ertragen war. Familie heißt übersetzt: Vertrautheit. Das trifft es für mich: ein geschützter Raum, in dem Vertrauen möglich ist. Vertrauen gelebt wird. Ein Raum, in dem wir uns zumuten können, wie wir sind – ohne Angst, zurückgestoßen und fallen gelassen zu werden. Menschen, die einen vorbehaltlos lieben und diese Liebe uns auch spüren lassen.“

Heiko überlegt. „So behandelt aber Jesus seine Familie nicht. So wie ich das verstehe, stößt er Mutter und Geschwister vor den Kopf!“ „So kann man die Geschichte lesen“, gestehe ich zu. „Ich verstehe sie aber anders: Jesus weiß, dass Familie, dass die Gemeinschaft der Blutsverwandten, nicht immer als ein Geschenk empfunden wird. Deshalb weitet er die Gemeinschaft des Vertrauens aus: Familie, das sind die Brüder und Schwestern, mit denen man das Vertrauen teilt. Familie, das sind die Brüder und Schwestern, mit denen man den Glauben an Gottes Liebe teilt und danach handelt. Die Jünger und Nachfolger Jesu haben sich deshalb später in der Urgemeinde mit „Brüder und Schwestern“ angeredet. Wir sollten uns immer wieder daran erinnern, dass wir als Kirche eine Familie im Geist Jesu sind. Das ist eine sehr hohe und ernste Verpflichtung.“

Heiko ist still geworden. „In meiner Familie gab es diese Vertrautheit nicht. Manchmal erlebe ich etwas davon hier auf der Insel und bei meinen Freunden. Vielleicht möchten mich Swantjes Eltern etwas davon spüren lassen. Ich sehne mich nach Familie, nach diesem vertrauten Raum – und nach einem Tag ist er mir zu nah.“ Wir müssen plötzlich beide lächeln. Es ist wirklich nicht einfach mit der Familie.

Nutzen Sie die Winterzeit, um Ihrer Familie vielleicht nocheinmal völlig neu zu begegnen. Einen glücklichen Jahreswechsel wünscht Ihnen

Ihr

Pastor Rainer Chinnow